06.06.2013 06:00:38

Andreas Gabalier: "Home Sweet Home", V├ľ: 07.06.2013

Knappe vier Jahre ist es jetzt her. Da stand ein junger Steirer in der Lederhose auf der Musikantenstadl B├╝hne, gab von vier Kameras eingekreist sein Deb├╝t und es dauerte genau bis zum zweiten Refrain, bis er seine anf├Ąngliche Nervosit├Ąt abgelegt, beim Singen das volle Rohr aufgedreht hatte und am n├Ąchsten Tag sein G├Ąstebuch im Internet ├╝berging. „So liab hob i di“. Andreas Gabalier im selbst kreierten Trachten-Mix und ein Country-Song, bei dem heute in der Wiener Stadthalle das Publikum sich zum 12.000er-Chor ausw├Ąchst, waren der Anfang des neuen Lebens. Seines, jenes der Trachtenschneider und der Musikszene. So einen Einstand wie diesen, den gab es vorher nicht.

Der Andi aus Graz unterscheidet mittlerweile zwischen altem und neuem Leben. Das alte Leben bestand aus einigen Monaten Studium, Sommerjobs als Kellner am W├Ârthersee und Musizieren im Keller bei Muttern. Das neue Leben ist um einiges turbulenter. Echo, Bambi, Amadeus, Gold, Platin und wer-wei├č-was-noch-alles an Awards… Es ging rasend schnell. In allen Belangen.

Das erste Album war die erste Visitenkarte. Wer ist er, was macht er, wo will er hin? Heute w├╝rde es hei├čen „Who is he and what is he to us?“ aber heute ist das neue Leben und das Ende vom alten begann mit dem Album „Da komm ich her“. Andreas Gabalier stellte sich vor. Brav war er. Na ja, ziemlich brav, aber die Urkraft, die in ihm steckte, war auch da schon sp├╝rbar, sofern man sich getraute, im volkst├╝mlichen Sektor die Nase ├╝ber den Tellerrand zu stecken und seismologische Schwingungen aufzunehmen, die bereits ank├╝ndigten, dass sich da einer in Bewegung gesetzt hat. Dieses erste Album war ein gro├čer Erfolg und das wiederum gab dem Andreas Gabalier die Legitimation f├╝r die zuk├╝nftige Durchsetzung des eigenen Willens.
 
Bei Album Nummer 2 lie├č er sich von niemandem mehr viel dreinreden. „Wer da aller auf einmal reinreden wollte…“, erinnert er sich heute, aber nur Freund und Producer Matze und sonst eine kleine Auswahl an Vertrauten war es, von denen er Einflussnahme zulassen wollte und wieder war die Entscheidung richtig. „Herzwerk“ wurde der Mega-Knaller, „I sing a Liad f├╝r di“ zum erfolgreichen Gassenhauer mit einer Halbwertszeit von gut und gern 30 Jahren.
 
Mit Selbstvertrauen positiv bis Oberkante Unterlippe aufmunitioniert setzte Andreas Gabalier beim 3. Album selbstbewusst das Statement der eigenen Kategorie. Er, der mit seiner Musik zwischen allen Genres tanzt, die Formate nur so ├╝berspringt und ├╝berall dabei vom Publikum ob dieser Formatignoranz positiv best├Ątigt wird, zaubert das Wort „Volks-Rock’n’Roll“ aus dem Hut und niemand fragt, was das eigentlich soll. Weshalb auch, der Name ist selbsterkl├Ąrend und der Protagonist ist der Volks-Rock’n’Roller. Basta. Mehr als 120.000 verkaufte Live-Tickets – alleine 2012 - sind die Best├Ątigung daf├╝r, dass da keine Erkl├Ąrung notwendig ist. Der Volks-Rock’n’Roll ist die Freiheit, die Genres miteinander zu vermischen, Ingredienzien so zusammen zu bringen, dass sie immer auf ihre Art Massen begeistern k├Ânnen.
 
Rock und volkst├╝mliche Musik, dazu Country-Elemente genauso wie der Schuss Rockabilly. So ungef├Ąhr. Die Texte? Vom Schweinsbraten, den Dirndln, die Freunde mit ihren Motorr├Ądern bis hin zur Stewardess und das Ticket f├╝r den Mile High Club reicht die Bandbreite. Andreas Gabalier singt ├╝ber Liebe ebenso wie ├╝ber Trauer oder einfach nur ├╝ber das Leben. Vermehrt ├╝ber das eigene. Home Sweet Home - Gott sei Dank gibt es ihn auch auf Englisch, den Spruch! Man m├Âge sich nur vorstellen, wie sich denn „Trautes Heim, Gl├╝ck allein“ als Titel auf einem Album-Cover gemacht h├Ątte. Den Geruch von Zierp├Âlstern und Stickbildern hat zwar auch die englische Variante, aber „Home Sweet Home“ ist einfach cooler. Da kann man noch so sehr auf die Vermeidung von Anglizismen setzen, in diesem Fall kommt der Spruch einfach besser r├╝ber.
 
Home Sweet Home“ ist der Titel und der Titelsong des neuen Albums von Andreas Gabalier und die Songs, zumindest die meisten auf dem Album, haben ihren eigentlichen Ursprung auch genau dort: Daheim in Graz, St. Peter. Im Wohnzimmer stapeln sich seit Jahren die schwarzen Scheiben. Papas Plattensammlung und „so gut wie jedes Familienfest ist irgendwann zu einer Platten-Party geworden“, erz├Ąhlt Andreas Gabalier und diese Scheiben waren es, ja, sind es sogar bis heute, die den Musiker Gabalier gepr├Ągt haben. Johnny Cash, Dolly Parton, Jerry Lee Lewis, Elvis und die Akkorde von Buddy Holly. 50er, 60er, 70er Jahre – Musik aus einer Zeit, die der VRR - Jahrgang 1984 - zeitversetzt, Titel f├╝r Titel, Stimme f├╝r Stimme f├╝r sich eroberte. Dieses Biotop in dem Haus in Graz-St. Peter, in dem sich Rockabilly genauso breit machte wie Peter Alexander oder die Oberkrainer und Johnny Cash, das alles ergab eine Vielfalt, die auf fruchtbaren Boden traf. „Ich war nie nur einem Genre verbunden. Was mir gefallen hat, habe ich aufgesogen“, sagt Andi und in der Tat, das neue Album ist wieder ein Schritt in eine weitere Richtung.
 
Mit Freund, Kollege, Producer Matze Roska hat der Volks Rock´n Roller das Studio in Berlin f├╝r einen Ausflug nach Nashville verlassen. „Einfach ein bissl andere Einfl├╝sse zulassen“, sagt Andreas Gabalier. Die TV-Kamera war mit dabei und so kennt man die weitere Geschichte heute schon gut, aber die gro├če US-Karriere… Wachsen da die Tr├Ąume in den Himmel? „Aber geh, einfach nur probieren. Ich wollte da immer schon einmal hin, dort wo all die Platten vom Papa herkommen. Das war der Traum, den ich mir erf├╝llen wollte. In einem Studio arbeiten, wo die Country-Heroes aufnehmen, das w├Ąre fr├╝her nie drin gewesen, aber jetzt halt schon“, sagt er und so wurden 5 Songs in Nashville eingespielt.
 
Amerikanische Studiomusiker spielen zu Andy Gabalier‘s „Stenglish“ - seinem steirischen Englisch. Gabalier versucht gar nicht wie George Jones und Tammy Wynette zu klingen. Sein Englisch hat den Zungenschlag der Heimat und die ist Graz, aber genau das macht diese Songs auf ihre Art spannend. Einige Tage recorden in Nashville, ├╝ber 100 in Berlin, das ist die Bilanz und ebenso auch der Kunst von Matze ist es zu verdanken, dass „Home Sweet Home“ ein homogenes Album geworden ist, der Ausflug ├╝ber den Atlantik und der alte Kontinent gut in der Steiermark zusammengewachsen sind. „Home Sweet Home“ ist ein Album, das bisher am st├Ąrksten das neue Leben des Andreas Gabalier dokumentiert. Um 180 Grad hat sich bei ihm alles gedreht, Zeit ist ein rares Gut geworden, der Termindruck ist mit dem der fr├╝heren Jahre nicht mehr zu vergleichen.
 
Andreas Ausgleich ist dieses „Home Sweet Home“. Zu Hause, das eigene Bett, das eigene Kissen, in seinem Dialekt von Andi liebevoll „mei Poister“ genannt. Hotels machen ihm gerne eine Freude und stecken ihn in eine Suite mit einer Bettdecke so gro├č wie ein halbes Fu├čballfeld. Handt├╝cher die nach Chlorbleiche riechen und nicht nach Graz-St. Peter. „Ich trinke f├╝r mein Leben gerne Wasser. Stehe in der Nacht auf, lasse es mir aus dem Hahn minutenlang direkt in den Mund rinnen, aber mach das einmal in irgendeiner Gro├čstadt… Da erkennst du den Unterschied. Bei mir daheim, da kommt das Wasser kalt und in einer Reinheit aus der Leitung wie sonst nirgendwo“, sagt Andreas Gabalier. Heimweh? „Ich stehe unheimlich gerne auf der B├╝hne. F├╝r mich ist ein Traum wahr geworden. Eine halbe Stunde bevor ich rausgehe, h├Ąnge ich mir die Harmonika um und tauche in mich selbst ab. Was f├╝r ein irres Gef├╝hl… Das Gewicht des Instrumentes sp├╝ren, ├╝bers In-Ear h├Âre ich die Menschen und die Atmosph├Ąre in der Halle… Aber anschlie├čend, wenn alles vorbei ist, fahre ich, wenn es irgendwie geht, nach dem Auftritt nach Hause“. Home Sweet Home! Daheim! „In meine Gasse“, wie er sagt. Da, wo er mit dem Nachbars-Buam beim Griller hockt, in der Unterhose das Motorrad putzt, das Essen so ist wie er sich das vorstellt.

Das neue Album ist ein Statement. Musikalisch ist es VRR mit einem festen Schuss Amerika im Arrangement. Die Bandbreite der Songs bunt und die Texte Gabalier pur. Seine Handschrift beim Texten ist, dass er keine hat. Er nimmt die Themen so wie er sie erlebt, sie ihm ├╝ber den Weg laufen, seiner Fantasie entspringen. Da gibt’s – unter anderem -  „Ab zum See“ – eine Sommernummer mit Country-Fiedel, Freude, Spa├č… nur bitte kein Regen. Dann  „Die Beichte“ - ein Titel mit Blues-Intro samt TOP-Feeling und einem Text, der aber so was von aus dem Leben geschrieben ist… aus Buben-K├Âpfen stammt und dort ab der Pubert├Ąt nicht mehr aus den Gehirnwindungen zu kriegen ist. Ein Juwel ist der Song „Der Himmel“. Er dauert ├╝ber 7 Minuten und ist keine Sekunde zu lang. Geiles Intro, geiler Titel, unglaubliches Arrangement. Das Lied „The Man Of Volks-Rock’n’Roll“ wird die Vorurteile befeuern, dass sich der AG da nun ein Denkmal gesetzt hat, sich selbst als 12ender-Hirsch bezeichnet.
 
Es ist alles ├╝berzeichnet und wahrscheinlich werden ihm die Kritiker die Ironie, die da drin steckt, nicht abnehmen. Soll so sein, ein Vorurteil mehr haut den Mann auch nicht um, aber musikalisch! Da werden Erinnerungen an Molly Hatchets „No Guts... No Glory“ aus dem 83er Jahr wach und man freut sich schon drauf, den Titel live zu erleben. Die Gitarren! Es kracht und klingt unglaublich gut. „Da bin i daham und da g’h├Âr i hin“, singt der Andreas in diesem Lied und es ist wohl das ehrlichste Statement, welches die Br├╝cke zwischen altem und neuem Leben schl├Ągt.
 
Home Sweet Home“ – Das Album hat noch viel mehr zu bieten, aber hier wird der Platz knapp und alle schreien eh schon, dass so lange Texte niemand liest. Sei’s drum! Bleibt am Ende nur eine Frage, die bisher noch niemand beantwortet hat: Wann kommt die Vinyl-Ausgabe mit gesticktem Cover?

Quelle: Universa Music/Electrola
 

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