27.02.2013 05:00:57

Mia Diekow: ÔÇ×Die Logik liegt am BodenÔÇť

Mia Diekow verteilt Ohrenk├╝sse

Sie ist jung und quirlig. Ist S├Ąngerin. Und macht es sich mit ihren Liedern nicht einfach. Weil sie es sich nicht einfach machen kann; denn wer, wie die Hamburgerin Mia Diekow, in der Lage ist, so pr├Ązise zu beobachten, der sucht daf├╝r auch nach einem entsprechend eindringlichen und klaren Ausdruck. Das wird nicht einfacher, wenn dieser helle, geradezu ausleuchtende Blick nicht nur vordergr├╝ndig durch das Leben schweift, sondern auch die Neben-, Oben-, und Unter-, Zwischen- und Traumwelten fest im Visier hat. Die Protokolle ihrer Beobachtungen k├Ânnte Mia Diekow sch├Ân verklausuliert in Englisch zum Besten geben - sie jedoch singt in Deutsch. Aus guten Grund. „Ich liebe das Deutsche wegen seiner Genauigkeit, seinen auffallend pr├Ązisen und ├╝beraus direkten Worten“, sprudelt es aus ihr heraus, „der Ausdruck ist so konkret. Und stark. Man kann Gef├╝hlszust├Ąnde und die Unfassbarkeit der Dinge sehr poetisch beschreiben.“ Solche Texte fordern Musik, die den Raum daf├╝r aufmacht. Und mindestens so ebenb├╝rtig ist. Das k├Ânnen gro├če, aufw├╝hlende Melodien, die mit m├Ąchtig Vollgas unterwegs sind. „Genau das ist mein Terrain“, gesteht Mia Diekow, „ich bin absolut melodieverliebt. In gro├če, weit schwingende Melodieb├Âgen, die verzaubern und in ihren Bann ziehen.“ Mia Diekow gelingt der Balanceakt, beides zu vereinen: tief sch├╝rfende Texte und hoch fliegende Melodien. Wo andere im Wollen stecken bleiben, l├Âst Mia Diekow das Versprechen ihres eigenen Anspruchs m├╝helos ein. Noch dazu mit einem H├Âchstma├č an ├╝berragender Schaffenslust und purer Spielfreude.

Lehr- und Wanderjahre

Eine solche Beobachtungsgabe und eine derartige Musikalit├Ąt fallen nicht vom Himmel. Auch nicht bei Mia Diekow. Ihr musikalisches Gesp├╝r ist aber schon in den Genen angelegt. Die Mutter ist eine Frau, die gerne und viel singt. Auch mit der Tochter. Der Vater ist klassischer Geiger mit eigenem Tonstudio. „Bei so viel musikalischem Input musste ich erstmal herausfinden, was ich will“, erinnert sich Mia Diekow, „ich habe zwar Klavierunterricht gehabt, war aber faul wie die S├╝nde. Und f├╝r Musiktheorie habe ich mich nie so richtig begeistern k├Ânnen. Meine Klavierlehrerin wollte Et├╝den von mir, doch ich habe mich viel mehr f├╝r Jungs und Zigaretten interessiert. Auf der Gitarre Akkorden nachzusp├╝ren, das war schon eher meins. Doch als mein Vater mir sein Studio ├Âffnete und ich dort vor seinem Rechner und einem Programm sa├č, um Musik zusammenzubasteln, war das eine Art Erweckungserlebnis. Ich als St├╝mper konnte pl├Âtzlich Klangwelten erschaffen. Ich hatte mein Instrument gefunden. Gleich mein erstes auf dem Rechner gebasteltes St├╝ck war f├╝r mich ein Megahit.“ Die Rede ist von „Neben dir“. Das St├╝ck ├╝berdauerte die Zeiten und b├╝├čte dabei nichts von seiner Faszination ein. So ist es nur konsequent, dass es auch dem kommenden Album zu finden sein wird. Der Weg zu den deutschen Texten hat auch seine kleine Geschichte. „Ich hatte Freunde, die damals eine Hip Hop-Gruppe hatten“, erz├Ąhlt Mia Diekow, „die haben mitgekriegt, dass ich gerne singe und mir vorgeschlagen, dass ich mal was f├╝r sie einsinge. Den Text fand ich doof und sprachlich nicht rund. So habe ich selbst einen geschrieben und gemerkt, das geht ja.“ Dem folgt Schlag auf Schlag. Mia Diekow schreibt wie wild. Schleppt die Lieder auf die B├╝hne und ver├Ąndert, verwandelt und verwirft sie nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Was ja bekanntlich nicht der schlechteste Lehrmeister ist. Michy Reinke h├Ârt Mia Diekow und l├Ądt sie in seine „Lausch Lounge“ ein. Da hat sie gerade mal drei fertige Lieder, braucht aber sechs. Also schreibt sie weiter. Die ersten Plattenlabels klopfen an. „Doch ich wollte nicht unterschreiben. Erst wollte ich wissen, in was f├╝r ein Boot ich mich generell setzen will“, konstatiert sie. Auch guter Wein muss reifen. Das nimmt Mia Diekow auch f├╝r ihre Lieder und f├╝r sich in Anspruch. Daraus erw├Ąchst schlie├člich ihr Selbstbewusstsein und die Selbstsicherheit, die sie immer so entspannt und unverkrampft erscheinen l├Ąsst. Und eine Stimme, die sich in jedes Unterbewusstsein frisst und gleichzeitig G├Ąnsehaut erzeugt.

Im Text liegt schon die Melodie

Mia Diekows Texte entstehen im Vorbeigehen. Sie stolpert in und ├╝ber Erlebnisse. Dann stellt sie ihr Objektiv scharf. Mit ├ťber- und Unterbelichtungen wird operiert. Die Szenen werden j├Ąh umgeleuchtet. Glei├čende Helle folgt auf D├╝steres, dazwischen schwimmt einiges im Diffusen. Langsam entwickelt sich Bild um Bild, die Konturen werden sch├Ąrfer und Zusammenh├Ąnge anschaulich. „So werden Buchstaben provoziert, aus denen dann Worte und letztendlich ganze Geschichten werden“, erkl├Ąrt Mia Diekow, „wenn es kommt, dann muss ich es nur aufschreiben. Meist kommt zuerst der Text. Und im Text liegt schon sehr viel Melodie. ‚Die Figur ist schon im Stein, man muss sie nur finden!’, meinte Michelangelo einst. Das ist auch das Prinzip, nach dem ich dann an der Melodie arbeite bis das St├╝ck singt.“ Den Texten mit emotionalem Tiefgang, schneidert Mia Diekow ein Melodiegewand, das gepr├Ągt ist durch einen warmen, rollenden und meditativen Klang. Das funktioniert bei ihren Balladen genau so, wie bei ihren temporeichen Nummern. Und das ist bei deutschen Texten eine echte Herausforderung. „Wenn man die Pr├Ązision der deutschen Sprache liebt, ist man schnell verleitet relativ klare, unmelodi├Âse Linien zu schreiben“, kennt Mia Diekow diese Falle genau, „in diese Engschrittigkeit sollten meine Lieder erst gar nicht kommen.“ So beginnt sie zu kombinieren. Wie mit einem gro├čen Baukasten. Nimmt Versatzst├╝cke aus Soul, Blues, Pop, Elektronik und Jazz. Denen bringt Mia Diekow das Tanzen bei. Dabei wird sie voll und ganz der eigenen Textzeile aus dem St├╝ck „Ohrenkuss“ gerecht: „Komm wir f├╝gen (...) Splitter zusammen, keine Angst, dass irgendwas nicht zusammenpasst.“ Es ist f├╝r Mia Diekow wie ein Spiel, bei Bedarf kann sie jederzeit ein St├╝ck kindlicher Neugier in den Musik-Sandkasten spielen. „Du bist ein Kind in einer Welt, wo alle erwachsen spielen“, l├Ąsst sie eine passende Zeile sprechen. Die Kraft dieses inneren Kindes l├Ąsst die Noten schon mal aus der aus der Reihe tanzen, lebt Verspieltheit und Frechheit und l├Ąsst so die notwendigen Zwischent├Âne entstehen. Steuert die Musik dann mal bewusst und hart auf die Kitschklippen zu, werden diese kurz vor dem Aufprall souver├Ąn umschifft. Mia Diekows Stimme ist dann elegant und hell t├Ânend, wenn das St├╝ck es so will. Das St├╝ck will es mal anders, dann hat sie gen├╝gend Raspel und Trauer in ihr.

Es gibt K├╝nstler, die erz├Ąhlen jedem von ihrer dringlichen Botschaft. F├╝r Mia Diekow ist das nichts: Sie will, dass ihre Musik und ihre Texte f├╝r sich selbst sprechen. Und das tun sie. Laut und vernehmlich. Das Album  von Mia Diekow: „Die Logik liegt am Boden“ ist am 15.02.2013 erschienen.

Quelle: Sonymusic/Franz X.A. Zipperer

 

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