26.07.2012 19:55:34

Mia Diekow; "Die Logik liegt am Boden", VÖ: 27.7.2012

Sie ist jung, quirlig und strotzt nur so vor Energie. Ist Sängerin. Und macht es sich mit ihren Liedern nicht einfach. Weil sie es sich nicht einfach machen kann; denn wer, wie die Hamburgerin Mia Diekow, in der Lage ist, so präzise zu beobachten, der sucht dafür auch nach einem entsprechend eindringlichen und klaren Ausdruck. Das wird nicht einfacher, wenn dieser helle, geradezu ausleuchtende Blick nicht nur vordergründig durch das Leben schweift, sondern auch die Neben-, Oben-, und Unter-, Zwischen- und Traumwelten fest im Visier hat. Die Protokolle ihrer Beobachtungen könnte Mia Diekow schön verklausuliert auf Englisch zum Besten geben. Sie jedoch singt auf Deutsch. Aus gutem Grund. „Ich liebe das Deutsche wegen seiner Genauigkeit, seinen auffallend präzisen und überaus direkten Worten“, sprudelt es aus ihr heraus, „der Ausdruck ist so konkret. Und stark. Man kann Gefühlszustände und die Unfassbarkeit der Dinge sehr poetisch beschreiben.“ Mia Diekows Texte fordern Musik, die den Raum dafür aufmacht. Und mindestens so ebenbürtig ist. Das können große, aufwühlende Melodien, die mit mächtig Vollgas unterwegs sind. „Genau das ist mein Terrain“, gesteht Mia Diekow, „ich bin absolut melodieverliebt. In große, weit schwingende Melodiebögen, die verzaubern und in ihren Bann ziehen.“ Mia Diekow gelingt der Balanceakt, beides zu vereinen: tief schürfende Texte und hoch fliegende Melodien. Wo andere im Wollen stecken bleiben, löst Mia Diekow das Versprechen ihres eigenen Anspruchs mühelos ein. Noch dazu mit einem Höchstmaß an überragender Schaffenslust und purer Spielfreude. Und die lassen sich nicht auf das Schreiben von eigenen Liedern mit ausdruckstarken Texten beschränken. Mia Diekow denkt weiter. Und handelt weiter. So stammen nicht nur die kleinen, ausgefuchsten Drehbücher für ihre Videos aus eigener Feder, auch die ungewöhnlichen Ausstattungselemente sind direkt Mia Diekows Ideenwelt entsprungen. Das verwundert es nun überhaupt nicht, dass sie ihr Album auch mitproduziert hat. Mia Diekow ist einfach eine Gesamtkunstwerklerin.


Eine solche Beobachtungsgabe und eine derartige Musikalität fallen nicht vom Himmel. Auch nicht bei Mia Diekow. Ihr musikalisches Gespür ist aber schon in den Genen angelegt. Die Mutter ist eine Frau, die gerne und viel singt. Auch mit der Tochter. Der Vater ist klassisch ausgebildeter Geiger, der sich aber auch in der Popwelt zuhause fühlt und ein eigenes Tonstudio hat. „Bei so viel musikalischem Input musste ich erstmal herausfinden, was ich will“, erinnert sich Mia Diekow, „ich habe zwar Klavierunterricht gehabt, war aber faul, wie die Sünde. Und für Musiktheorie habe ich mich nie so richtig begeistern können. Meine Klavierlehrerin wollte Etuden von mir, doch mich interessierten zu der Zeit Jungs und Zigaretten viel mehr. Auf der Gitarre Akkorden nachzuspüren, das war schon eher meins. Und als mein Vater mir Jahre später sein Studio öffnete und ich dort vor seinem Rechner und einem Programm, um Musik zusammenzubasteln saß, war das eine Art Erweckungserlebnis. Ich als naiver Frischling konnte plötzlich Klangwelten erschaffen. Ich hatte ein neues Instrument gefunden, voll von geheimnisvollen Möglichkeiten. Gleich mein erstes auf dem Rechner gebasteltes Stück war für mich ein Megahit.“ Die Rede ist von „Neben dir.“ Das Stück überdauerte die Zeiten und büßte dabei nichts von seiner Faszination ein. So ist es nur konsequent, dass es auch auf der im November 2011 erscheinenden EP „Die Logik liegt am Boden und wir sind frei!“ zu finden ist.

Der Weg zu den deutschen Texten hat auch seine kleine Geschichte. „Ich hatte Schulfreunde, die damals eine Hip-Hop Gruppe hatten“, erzählt Mia Diekow, „die haben mitgekriegt, dass ich gerne singe und mir vorgeschlagen, dass ich mal was für sie einsinge. Den Text fand ich nicht passend und sprachlich noch nicht rund. So habe ich selbst einen geschrieben und gemerkt: Das geht ja.“ Nun folgt Schlag auf Schlag. Mia Diekow schreibt wie wild. Schleppt die Lieder auf die Bühne und verändert, verwandelt und verwirft sie nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Was ja bekanntlich nicht der schlechteste Lehrmeister ist. Michy Reinke hört Mia Diekow und lädt sie in seine „Lausch Lounge“ ein. Da hat sie gerade mal drei fertige Lieder, braucht aber sechs. Also schreibt sie weiter. Die ersten Plattenlabels klopfen an. „Doch ich wollte deren Welt noch nicht kennen lernen. Erst wollte ich wissen, was da alles aus mir rauskommt, Ideen reifen lassen“, konstatiert sie. Das nimmt Mia Diekow für ihre Lieder und für sich in Anspruch. Daraus erwächst schließlich ihr Selbstbewusstsein und die Selbstsicherheit, die sie immer so entspannt und unverkrampft erscheinen lässt. Und eine Stimme, die sich in jedes Unterbewusstsein frisst und gleichzeitig Gänsehaut erzeugt.

Mia Diekows Texte entstehen oft im Vorbeigehen. Sie stolpert in und über Erlebnisse. Dann stellt sie ihr Objektiv scharf. Mit Über- und Unterbelichtungen wird operiert. Die Szenen werden jäh umgeleuchtet. Gleißende Helle folgt auf Düsteres, dazwischen schwimmt einiges im Diffusen. Langsam entwickelt sich Bild um Bild, die Konturen werden schärfer und Zusammenhänge anschaulich. „So werden Buchstaben provoziert, aus denen dann Worte und letztendlich ganze Geschichten werden“, erklärt Mia Diekow, „wenn es kommt, dann muss ich es nur aufschreiben. Meist kommt zuerst der Text. Und im Text liegt schon sehr viel Melodie.“ ‚Die Figur ist schon im Stein, man muss sie nur finden!’, meinte Michelangelo einst. So tastet sie sich vor und fühlt die Töne bis das Stück singt. Den Texten mit emotionalem Tiefgang, schneidert Mia Diekow ein Melodiegewand, das geprägt ist durch einen warmen, rollenden und meditativen Klang. Das funktioniert bei ihren Balladen genau so, wie bei ihren temporeichen Nummern. Und das ist bei deutschen Texten eine echte Herausforderung. „Durch die Präzision und klangliche Härte des Deutschen, ist man schnell verleitet relativ klare, unmelodiöse Linien zu schreiben“, kennt Mia Diekow diese Falle genau, „in diese Engschrittigkeit sollten meine Lieder erst gar nicht kommen.“ So beginnt sie zu kombinieren. Wie mit einem großen Baukasten. Nimmt Versatzstücke aus Soul, Blues, Pop, Elektronika und Jazz. Denen bringt Mia Diekow das Tanzen bei. Dabei wird sie voll und ganz der eigenen Textzeile aus dem Stück „Ohrenkuss“ gerecht: „Komm, wir fegen deine Splitter zusammen, keine Angst, dass irgendwas nicht zusammenpasst.“

Für ihr 2012 erscheinendes Debut- Album hat Mia Diekow in Philipp Schwär einen besonderen, feinfühligen Produzenten gefunden, mit dem sie für ihre Klangwelten ein Sternensystem gebaut hat. So entstand ein Mosaik, Steinchen und Splitter wurden kombiniert, Staub wurde weggepustet, um ein, trotz aller Versponnenheit, klares Bild zu finden. Mia Diekow liebt das Spiel, bei Bedarf kann sie jederzeit ein Stück kindlicher Neugier in den Musik-Sandkasten plumpsen lassen. „Du bist ein Kind in einer Welt, in der alle erwachsen spielen“, lässt sie eine passende Zeile sprechen. Die Kraft dieses inneren Kindes lässt die Noten schon mal aus der Reihe tanzen, lebt Verspieltheit und Frechheit und lässt so die notwendigen Zwischentöne entstehen. Steuert die Musik dann mal bewusst und hart auf die Kitschklippen zu, werden diese kurz vor dem Aufprall souverän umschifft. Mia Diekows Stimme ist dann elegant und hell tönend, wenn das Stück es so will. Will das Stück es mal anders, dann hat sie genügend Raspel und Trauer in ihr. Es gibt Künstler, die erzählen jedem von ihrer dringlichen Botschaft. Für Mia Diekow ist das nichts: Sie will, dass ihre Musik und ihre Texte für sich selbst sprechen. Und das tun sie. Laut und vernehmlich. Franz X.A. Zipperer

Quelle: MCS-Berlin/Sonymusic