27.03.2013 07:00:03

Maite Kelly: „Wie ich bin“, VÖ: 29.03.2013

„Wovor mich die Leute warnten, das wollte ich schon immer haben.“ „Meine Biografie scheint auf den ersten Blick das Gegenteil von geradlinig zu sein. Im Song „Besser ohne mich“ aus meinem aktuellen Album gibt es nicht umsonst die Textzeile „ich bin konsequent chaotisch“, zwinkert Maite. „Ich komme ja aus einer Songwriter-Familie, in der man Kreativität täglich lebte. Es war wie eine Art 24h-Waldorf-Schule, in der Freiheit, Tanz, Musik und Fantasie stets Vorrang hatten. Aber die Disziplin bestand darin, die Kreativität jeden Tag zu pflegen – deshalb auch ‚konsequent chaotisch’“.

Als sich die Kelly Family als Band 2008 auflöste, war Maite gezwungen, sich neu zu orientieren. Durch eine glückliche Fügung kam die Zusammenarbeit mit Disney zustande, hier sang sie auch zum ersten Mal auf Deutsch. Kurz darauf wurde sie von der Produzentin des Musicals „Hairspray“ entdeckt. Sie schleuste Maite heimlich zum Vorsingen, damit Marek Lieberberg sich ohne den Namen ‚Kelly’ ein neutrales Bild machen konnte. Maite Kelly bekam prompt die Hauptrolle. Sie wurde von den Kritikern bejubelt. Beim „Wetten, dass..?“- Auftritt sorgte sie mit Uwe Ochsenknecht und dem ganzen Ensemble für pures 60er-Jahre-Feeling. Es folgten erfolgreiche Ausflüge ins Fernsehen mit einer Medienpreis-dekorierten Moderation auf ZDFneo, dem Gewinn der „Let’s Dance“-Staffel 2011 und einer weiteren Staffel als Jurorin. Außerdem machte sich Maite in Kooperation mit „bonprix“ mit einer eigenen Modelinie für kurvige Frauen stark.

Ihr erstes Solo-Album „Volles Programm“ entstand in Zusammenarbeit mit Frank Ramon, den sie zwei Jahre lang bearbeitete, bis er sich endlich ihre verrückten Ideen anhörte und sie unter seine Fittiche nahm. Maite wollte ein herrliches ‚Revue-Pop-Album’ mit funkelnder Bildsprache, das nur darauf wartete, auf die Bühne gebracht zu werden. Und sie machte alles selbst. Angefangen vom Drehbuch über die Kostüme bis hin zum Bühnenbild. Im Frühjahr 2012 feierte das Stück im Berliner Wintergarten Premiere. „Man könnte sagen, dass nach der Zeit der ‚Ausbildung’ in Musical und Tanz, die Revue meine bestandene Abschlussarbeit war.“


Aber wie Maite Kelly so ist, blieb sie ihrer konsequent-chaotischen Philosophie treu und plante den nächsten Kurswechsel ... frei nach dem Motto: „Wovor mich die Leute warnten, das wollte ich schon immer haben“ – ein Zitat aus dem Song „Sonnenschein“ aus ihrem aktuellen Album. „Ich habe vor und während meiner Musical-Zeit immer selbst Songs geschrieben“ – nur wagte sie nie, ihre Songs auf Deutsch vorzutragen. Zu groß war ihre Achtung vor der deutschen Sprache. Dabei war Maite Kelly mit ihren selbst geschriebenen Songs bei der Kelly Family sehr erfolgreich und schrieb auch für Kinderserien. Beim Treffen mit Götz von Sydow überzeugte er sie vom Gegenteil. Ungewöhnlich schüchtern betrat sie sein Studio und begann eher zögerlich „Du weißt nicht was es heißt“ anzuspielen – und war baff, als sie den Produzenten mit Tränen in den Augen sah.

Das war im Sommer 2012 der Ausgangspunkt ihrer Zusammenarbeit. „Wir schreiben das meiste irgendwo zwischen Café Latte und Käsekuchen“, schmunzelt Maite. Deswegen passt der Titel „Wie ich bin“ auch so gut. „Ich wollte etwas ganz Direktes erschaffen. Das Wichtigste war mir, Bilder zu erschaffen, die berühren. Letztendlich stelle ich mir ja dieselben Fragen wie alle anderen auch: ‚Wie groß und was ist die Liebe? Wie ernähre ich meine Familie? Wo wird mein Weg mich hinführen? Und wie gehe ich mit den Monstern meiner Vergangenheit um?’“ „Du glaubst du kennst mich“ ist die erste Single aus ihrem neuen Album, weil der Song die musikalischen Farben des Albums am besten ankündigt. Der Text dreht sich um die sogenannte ‚Generation Praktikum’: „Es gibt viele Menschen, die leider nicht zum Zug kommen, obwohl sie qualifiziert sind. Das können Frauen sein, die kaum Chancen in Männerdomänen haben oder Vorgesetzte, die ihre Machtpositionen ausnutzen. Ich kenne das Thema selbst – es war zum Beispiel auch nicht immer leicht, sich gegen das ‚Klischee Kelly Family’ zu behaupten.“

Aber die kraftvolle Popsingle ist bei Weitem nicht der einzige Track mit Tiefgang. „Weil du mich lässt“ ist eine filigrane, aufrichtige Liebeserklärung an ihren Mann, die nicht leugnet, dass die beiden sich zu einer Zeit kennengelernt haben, in der Maite sehr unter dem Abschied von ihrem Vater litt. Die herrlich-schwebende Midtempo-Komposition „Stark“ erzählt von der Schwierigkeit, zu sich selbst und seinen Makeln zu stehen: „Heute wird online über jede Unzulänglichkeit gelästert und viel mehr öffentlich kritisiert. Jeder muss und kann zu allem seine Meinung sagen. Aber man kann es eben nicht jedem recht machen und es gehört zum Leben dazu, Fehler zu machen. Ich denke, dass insbesondere Frauen oft versuchen, perfekt zu sein und dieses Lied soll Mut machen, sich auch mal ‚Schwäche’ zu erlauben.“

Eine große Portion Selbstbewusstsein braucht auch die Heldin aus „Cowgirl", denn auf der Suche nach der großen Liebe ist sie, im Gegensatz zu allen um sie herum, noch nicht angekommen. „Dazu steckte mich eine verzweifelte Freundin an, die mich fragte: ‚Gibt es noch echte Kerle?’ Es ist erstaunlich, dass in einer Zeit, in der es so viele Dating-Portale gibt, dennoch so viele Menschen allein sind. Das hat mich beschäftigt, als ich den Song schrieb. Aber ich wollte, dass er dabei leicht ist und Trost spendet. Insgesamt möchte ich, dass dieses Album Kraft schenkt.“ Die emotionale Essenz von „Wie ich bin“ erkennt Maite in „Die Sonne geht auf“. Ein Stück, das sich auf den Konflikt zwischen Kind und Vaterfigur bezieht, auf die fundamentale Sehnsucht, die in dieser Beziehung steckt. „Zum Glück habe ich die rebellische Phase zwischen mir und meinem Vater gut abschließen können, bevor er ging. Mein Vater hat mich als Songwriterin immer ermutigt – er war mein wichtigster Mentor und ich habe mich bei dieser Produktion ganz besonders oft an seine Worte erinnert. Er sagte immer wieder: ‚Maite, ein Hit berührt das Herz. Man braucht Melodien und Texte, die das Herz berühren.’

Keine leichte Aufgabe. Mein Vater sagte auch, dass die einfachen Popsongs am schwierigsten zu schreiben sind. Sie erfordern den Mut, die intellektuelle Eitelkeit beiseite zu schieben. Dazu muss man bereit sein, sich komplett zu öffnen.“ Auch für ihre kommenden Livekonzerte legt Maite viel Wert auf Unmittelbarkeit. „Die Shows sollen so nah werden wie irgend möglich. Es soll diesmal nicht so überglamourös werden, sondern qualitativ hochwertig, mit Band und sehr persönlich. Deswegen möchte ich die Eintrittspreise niedrig halten und am liebsten auch in ländlicheren Gegenden auftreten. Denn aus eigener Erfahrung, zum Beispiel als Hausfrau und Mutter, weiß ich – man kann meist nicht mal eben zum Konzert in die Stadt fahren.“ Für die Musikerin Maite Kelly ist ihr neues Album „Wie ich bin“ ein bisschen wie erwachsen werden. Sie kehrt zwar ganz bewusst zu ihren Wurzeln im Songwriter-Bereich zurück, erzählt aber jetzt ihre ganz eigene Geschichte und addiert die musikalischen Finessen einer vielseitigen Künstlerin. Und so kommt es, dass „Wie ich bin“ das Bild einer Maite Kelly zeichnet, die da draußen wahrscheinlich noch niemand kennt.

Quelle: 7days Music Entertainment/Sony Music/Wilde-Schneider